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Hochschulforum Hannover

Münchener Top-Journalist fordert bei Hochschulforum eine EU des Sozialen

„Wir haben euch belogen, als wir euch gesagt haben, alles ist gut“, ruft ein gutes Dutzend junger Erwachsener dem Publikum zu. „Wir haben euch belogen, als wir euch gesagt haben, das Gewitter ist weit weg. Es kommt immer der Regen. Und er macht euch alle nass.“ Die jungen Schauspieler rufen synchron einen Liedtext der hannoverschen Gruppe „U3000“. Und das nahende Gewitter von dem sie da reden, haben einige im Publikum sicher mit Flüchtlingen identifiziert, die auch immer wieder als Quasi-Naturgewalt, als Welle oder Strom bezeichnet werden.
 

Tatsächlich spielte das Thema eine wichtige Rolle beim Hochschulforum mit dem Titel „Fremde. Heimat. Zukunft“ im hannoverschen Kongress-Zentrum (HCC). Die Theaterstudenten, zusammengewürfelt aus zahlreichen Ländern, traten hier zu Beginn auf und sorgten mit Schauspiel, Humor und Tanz für Stimmung unter den Besuchern, meist selbst Studierende. Doch mindestens genauso wichtig wie die Rolle der Zuwanderer sollte an diesem Tag die Rolle der Einheimischen sein. „Wir Europäer und unsere Werte“, wie Gastredner Heribert Prantl, prominenter Journalist der Süddeutschen Zeitung, sagte, seien das eigentliche Thema. Die Flüchtlinge stießen uns nämlich letztlich nur auf die Frage, in welchem Europa wir leben wollen.

„Europa erstickt nicht, wenn es Kriegsflüchtlinge aufnimmt.“

Seine persönliche Haltung machte der Münchener Journalist in einem langen Vortrag deutlich. Er ist Europa-Fan: „Die Europäische Union ist das Beste, was Europa in seiner langen Geschichte passiert ist.“ Die Staatenunion habe letztlich einen jahrzehntelangen Frieden auf dem Kontinent geschaffen. Die Europäer sollten neben berechtigter Kritik an dem Politgebilde immer auch die positiven Dinge mitdenken.

Doch die EU sei heute zu sehr Wirtschaftsunion, kritisierte der studierte Jurist. Die Menschen müssten die Union wieder als Schutzgemeinschaft mit kluger Sozialpolitik erleben. Prantl machte sich für eine gesamteuropäische Sozialpolitik stark. Diese sei es, die das Gemeinwesen und somit die Heimat sichere.

Ganz anders sei es, wenn Grenzen geschlossen würden, weil Flüchtlinge kämen. Dies sei Heimatzerstörung, weil es die Werte unseres Zusammenlebens zerstöre. „Europa erstickt nicht, wenn es Kriegsflüchtlinge aufnimmt. Es erstickt an seiner Heuchelei, wenn es sie nicht aufnimmt.“ Nun müsse bewiesen werden, das europäische Werte mehr seien als nur Phrasen aus Sonntagsreden.
Bislang hätten die Flüchtlingsunterstützer das Positive Europas repräsentiert. Und das „Netzwerk der Anständigen wachse“. Enttäuscht ist Prantl hingegen von der fehlenden Solidarität europäischer Regierungen untereinander.

Im Anschluss verteilten sich die Besucher des Tages auf mehrere Foren in denen Experten über einzelne Zukunftsthemen debattierten. Nachmittags vertieften alle die Diskussionen in verschiedenen Workshops, die sich mit künstlerischen, religiösen und wissenschaftlichen Zugängen versuchten, dem Fremden, der Heimat und der gemeinsamen Zukunft aller zu nähern.

Stefan Korinth, Evangelische Zeitung
 

Fremde. Heimat. Zukunft.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“. In diesem biblischen Satz (Hebräer 13, 14) kommt die menschliche Grunderfahrung vom Unterwegssein in die Zukunft zur Sprache. Es geht immer darum, das Leben in der Gegenwart und Zukunft zu gestalten und zwar bewusst gemeinsam.

Im Studium bereiten Sie als Studierende sich auf Ihre berufliche Zukunft vor, zugleich überlegen und planen Sie auch für Ihre private Zukunft. Zukunft verheißt andere Lebens- und Gestaltungsmöglichkeiten. In ihr liegt die Chance, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Deshalb wurden auf dem zweiten Hochschulforum der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers Zukunftsfragen gestellt und gemeinsam Antworten gesucht:

„Fremde“ – das Neue ist immer auch fremd: fremde Menschen, fremde Orte und fremde Lebensformen.

„Heimat“ – das Neue lebt auch vom Vertrauten: Menschen, die gemeinsam Leben gestalten, Orte, die Geborgenheit geben, Strukturen, auf die Verlass ist sowie Kompetenzen, Religionen und Weltanschauungen.

„Zukunft“ – die gemeinsame Gestaltung erfordert den öffentlichen Dialog, gerade auch den Dialog mit Forschung und Wissenschaft. Die Zukunft wird bereits vorgedacht. Wer mit gestalten will, wird mitdenken, diskutieren und abwägen.